Amazon Live Lens: Wenn der Baumarkt zum Showroom wird
Ende August hat Amazon in den USA ein Feature gelauncht, das zunächst unscheinbar wirkt: Live Lens kombiniert Kamerasuche mit KI-Beratung. Die Nutzung ist dabei unkompliziert: Kamera aufs Produkt richten, Preise und Bewertungen erscheinen in Echtzeit, KI-Assistent Rufus beantwortet Fragen wie ein Verkäufer. Für die Kund:innen ist das praktisch aber wer die Konsequenz zu Ende denkt, merkt: Amazon hat hier nicht nur ein neues Feature entwickelt, sondern vielmehr ein neues Vertriebsmodell gebaut.
Der stille Angriff auf die Ladenfläche
Jeder Supermarkt, jede Drogerie, jedes Modegeschäft wird damit vielleicht ungewollt zum Showroom für Amazon. Denn Kund:innen greifen das Produkt in die Hand und kaufen es dann woanders, wo es möglicherweise günstiger ist und direkt nach Hause kommt. Das Showrooming ist zwar nicht neu, aber Live Lens macht es erschreckend einfach. Der entscheidende Moment, der Griff ins Regal, der Blick auf die Verpackung, die innere Frage „Ist das das Richtige?”, gehört plötzlich nicht mehr dem Handel. Er gehört Amazon und seinem KI-Verkäufer. Händler investieren dann in Flächen, Personal und Logistik. Amazon monetarisiert den Moment der Entscheidung.
Was der Handel daraus machen muss
Die Frage lautet damit nicht, ob Live Lens den stationären Handel bedroht, sondern was der Handel als Gegenmodell anbietet. Denn die Schwäche, die Amazon hier ausnutzt, ist keine neue: Wenn im Baumarkt kein Mitarbeiter in Sicht ist und 200 Schraubenvarianten schweigend im Regal stehen, hat der Handel das Beratungsversprechen schon selbst gebrochen. Live Lens füllt nur das Vakuum, das andere hinterlassen haben. Wer als Händler relevant bleiben will, muss den entscheidenden Moment zurückgewinnen – mit echtem Erlebnis, echter Beratung, echter Bindung. KI kann dabei helfen. Aber sie ersetzt nicht die Frage: Was biete ich, das Amazon nicht kann?










CX Lounge
Der Customer Experience Talk
Besonders internationale Top-Brands sind für ihre perfekte Customer Experience bekannt. Aber wie machen sie das? Kai Vorhölter fragt nach: Er spricht mit den Spitzen unterschiedlicher Branchen und erfährt mehr über deren Unternehmensstrategie und wie sie Erlebnisse in ihrem Marketing und darüber hinaus schaffen.
Kai ist Gründer und CEO von port-neo. Im Jahr 2000 erweckte er die inhabergeführte Agentur in Stuttgart zu Leben. Seither leitet er die Geschicke des Unternehmens. Als Customer Experience Experte verbindet er strategischen Blick, unternehmerisches Denken und eine große Leidenschaft für kundenzentrierte Transformation. Neben seiner Rolle bei port-neo teilt Kai seine Perspektiven regelmäßig als Podcast-Host der CX Lounge und bringt dabei Praxis, Haltung und Neugier für zukunftsfähige Geschäftsmodelle zusammen.